Das zweitbeste Glück

Buchtitel 'Das zweitbeste Glück' Am 7. Juli 1919 erschießt sich die 24-jährige Schauspielerin Julie Helene Bider in einem Zürcher Nobelhotel. Stunden zuvor war ihr Bruder, der gefeierte Flugpionier Oskar Bider, der als erster die Pyrenäen und die Alpen überquert hatte, bei einem Absturz ums Leben gekommen. Als fröhliches und wagemutiges Paar füllten sie die Illustrierten — sie verkörperten die Zukunft in einer Zeit, in der das Fliegen und der Film im Aufbruch waren. Anhand von Lenys Tagebuch erzählt Margrit Schriber die Biographie der sensiblen Rebellin, die ihren Traum von einer Schauspielkarriere gegen alle Widerstände durchsetzte und schließlich am Tod ihres bewunderten Bruders zerbrach. Ein historischer Roman über die glamourösen Geschwister Bider, deren Abenteuer die Schweiz in Atem hielten.

Das zweitbeste Glück, Nagel & Kimche, Zürich, 2011, ISBN 978-3-312-00481-2

Leseprobe

Helene Bider starb an dem Ort, der ihr am meisten zugesagt hatte. Zwei Jahre wohnte sie im Hotel Bellevue au Lac. Außer ihrer Singer-Nähmaschine gehörte ihr kein einziges Möbelstück. Sie besaß nur Dinge, die sie in ihre Schrankkoffer oder in die Handtasche packen konnte. Wie der Revolver. Wie ihre Kleider, alle schwarzweiß. Sie schaffte keine Bilder, keine Nippes, nicht einmal einen elektrischen Kocher an. Möblieren bedeutet, sich fürs Bleiben zu entscheiden. Das hat Leny nie getan. Sie war die Mieterin von möblierten Zimmern in der Pension netter Witwen, die zum Monatsende kündbar waren.

Auch ihrem Bruder Oskar war ein Zimmer bei Verwandten, die Unterkunft in einer Militärbaracke oder ein Lager im Freien vertrauter als das eigene Haus.

Geschwister ohne Wurzeln. Ein Luftzug, ein Hauch, schon wehten sie fort.

Die Polizei nimmt in einem Nebenraum im Bellevue au Lac die Aussage von Ernst Jucker auf. Er ist zu erschöpft, um noch einmal das Todeszimmer zu betreten. Er gibt zu Protokoll, dass er seine Verlobte an diesem Morgen von Dübendorf ins Hotel begleitete und kurze Zeit allein ließ. Er habe keine Veränderung an ihr festgestellt. Sie war bekümmert, doch gefasst.

Nichts habe auf eine Verzweiflungstat hingewiesen. Sie schritt aufrecht die Treppe hinauf, zögerte nicht und wankte nicht. Er hatte den Eindruck, man dürfe sie ihrem Kummer überlassen.

Sie bemühe sich, die Situation zu begreifen. Sie brauche etwas Zeit, um zu sich zu kommen. Das habe Jucker eingeleuchtet. Er versprach, später zurückzukehren. Sie habe genickt. Sie schien dankbar zu sein für den Halt, den er ihr in diesen schlimmen Stunden der Trauer bot.

Als er zurückkehrte, war es 15.45 Uhr. Er sei sofort zu ihrer Etage hinaufgestiegen und habe an die Zimmertür geklopft.

Sie habe nicht geantwortet. Die Tür war unverschlossen, so sei er eingetreten. Leny lag auf ihrem Bett. Sie war tot. Das Gesicht unkenntlich. Ein an ihn adressierter Brief lag auf dem Schreibtisch, den habe er an sich genommen. Ohne etwas anderes anzurühren oder zu verändern, habe er das Zimmer verlassen und die Direktion verständigt. Diese rief einen Arzt, der den Totenschein ausstellte.

Kopfschuss. Selbstmord. DW. v. Muralt.

Nach dieser Aussage sucht Jucker einen stillen Platz im Restaurant des Hauses. Er sieht sich außerstande, jetzt auf eine Telefonverbindung mit Lenys ältestem Bruder Georg zu warten. Formalitäten zu erledigen. Seine Schilderung zu wiederholen. Anordnungen zu treffen. Er kauert im Sessel, ein gebrochener Mann.

Die Besichtigung der Leiche durch die Polizei bestätigt die Aussage des Arztes. Technisch handelt es sich um keinen ungewöhnlichen Suizid. Der Rapport macht eine weitere medizinische Untersuchung der Leiche überflüssig. Die bei einem Todesfall üblichen Maßnahmen können eingeleitet werden.

Das Waschen der Leiche, das Einbinden, Einsargen und der Abtransport.

Dr. Georg Bider, der Bruder, ist das nächste lebende Familienmitglied. Es wäre seine Aufgabe, den Sterbefall seiner Schwester zu regeln. Um den seines Bruders Oskar kümmert sich das Militär. Aber Georg Bider ist in Arosa im Lungensanatorium zur Kur. Die Direktion des Bellevue au Lac schickt ein Telegramm ins Sanatorium, telefonisch hat man ihn vergeblich zu erreichen versucht. Er war nicht zu sprechen. Es gehe dem Patienten schlecht, im Augenblick stehe er unter dem Einfluss von Morphium.

Die Verwandtschaft in Langenbruck wird ins Bild gesetzt.

Dort sei man fassungslos. Am Vormittag wurden sie über den tödlichen Absturz von Oskar orientiert. Jetzt seine Schwester Leny. Und auf diese Weise.

Die Geschwister haben ihren Heimatort seit längerem nicht besucht. Sie sind darüber hinweggeflogen. Im Tiefflug kreisten sie über dem Friedhof und betrachteten die Gräber ihrer Eltern. Oskar habe seinem Onkel einmal geschrieben, dass es für ihn jedes Mal ein merkwürdiges Gefühl sei, über dem Ort der Kindheit zu schweben. Ein Ziehen in der Brust. Er halte die Tränen zurück, wenn er auf die Häuser, die Wege und Spielplätze hinabschaue.

Diese Flüge müssen das Beste gewesen sein, was es im Leben der Geschwister gegeben hat.

Die Verwandten schnitten Fotografien und Artikel aus der Zeitung. Leny und Oskar waren ja in allen Illustrierten zu finden. Leny zeigten sie im Spielfilm, Oskar in einigen Wochenschauen. Vom Piloten-Ass schwärmten die Schulkinder.

Aber auch über Jakob Bider selig, den Vater der Geschwister, wurde noch gesprochen. Er war, was sie im Dorf eine Nummer nennen. Ein Kenner des Tuchgeschäfts wie kein Zweiter.

Ein Mann mit Verstand und Herz. Er bewies dies in der Zeit der Not, als viele Tuchweber sich einem Auswandererzug anschlossen. Manche verhungerten. Manche verheizten Tisch und Bank, Wiege und Bett, zuletzt auch die Webstühle. Einige schwangen noch tagelang ihre Axt, hackten Äste von den Bäumen, zersplitterten Zäune und spalteten Schöpfe. Sie konnten nicht damit aufhören.

Diesem Treiben setzte Jakob Bider ein Ende. Er fuhr mit einem vollbeladenen Ochsengespann in die Schneise der Weberäxte hinein. Das Krachen, Splittern und Rauschen verstummte. Eine unheimliche Stille. Nur die Ochsen trotteten mit ihrer schwankenden Gerätschaft einher, gemütlich scheppernd, als wollten sie zu einer Chilbi. Die Töpfe, Wickler, Verbindungsstreben, Kurbeln und Zahnräder klingelten und hüpften. Zuoberst auf einem Wickler saß Jakob Bider mit baumelnden Beinen. Wie die Krone dieser alles Elend der Weber verspottenden Fuhre.

«Was hast du unter dem Arsch?»

Mit erhobener Axt wankten die Weber näher.

«Das reine Honiglecken», antwortete Jakob. Er polierte einen Apfel an der Weste, biss hinein und spuckte die Kerne im Bogen durch die Luft. Die Weber starrten die Gerätschaft an und die von Apfelstücken prallen Backen des Karrers. Sie waren hungrig und wütend und wurden zu alledem noch von einem Apfelfresser verhöhnt. Mit schwingenden Äxten wankten sie näher. Jakob wischte bedächtig seine Hände an den Knien ab, umgriff unter seinem Hintern den Wickler und erklärte den Webern das reine Honiglecken.

«Handweben ist Vergangenheit. Ihr seid jetzt Zwirner. Dieser Wickler ist zum Aufrollen eurer Garne. Die Zukunft gehört der Maschinenstickerei, dem Wasserrad, dem Dampf und den elektrisch betriebenen Maschinen.

Es braucht Näher, es braucht Baumwolle und Nähseide. Vor allem aber braucht es zwei- und mehrfach stark gezwirnte Garne zum Nähen und Sticken. Hier ist die Gerätschaft, die es dazu benötigt, hier unter meinem Arsch.»

Die Weber begannen Wasserräder an die Bachläufe zu bauen, und das Wasser trieb die Maschinen ihrer Baumwollzwirnspindeln an. Sie waren jetzt Zwirner. Der Wohlstand kehrte zurück.