Syra, die Stripperin

Buchtitel 'Syra, die Stripperin' Der Roman handelt von der einzigartigen Karriere des ersten Schweizer Glamour Girls. Josefina Magdalena Marty wurde 1921 in der Innerschweiz geboren, galt als eine der schönsten Frauen der Welt, tanzte vor Staatsmännern und Königen und geriet in den Strudel des Kennedy-Mords. Sie erlebte Höhen und Tiefen des Schauberufs und starb mit 91 Jahren verarmt in Florida. Roger Bürgler hat ihr aussergewöhnliches Leben verfilmt, festgehalten auf einer DVD syramarty.ch.
In Margrit Schriber hat sie nun eine herausragende Biografin gefunden. Dieser Roman einer Stripperin der Ausnahmeklasse liest sich in einem Zug.

Syra, die Stripperin, Pro Libro, Luzern, November 2012, ISBN 978-3-905927-30-6

Leseprobe

Auch bei meinem nächsten Besuch an der Connecticut Ave erwartet mich die Frau auf dem Schemel. Ihre Füsse pendeln in der Luft. Ihr grauer Kopf ist in den Brustkorb gesackt, sodass die schmalen Schultern wie Flügel wirken, die sie an die Ohren faltet. Wieder neige ich mich zu ihr und berühre ihr Haargespinst.
«Suchst du Läuse?», schnauzt sie auf Deutsch.
Sie kann also sprechen. Auch ihr Appetit ist gut. Ich stelle neue Pakete auf den Küchentisch, fege den Müll in meinen Plastiksack und gehe. Sie wirbelt auf ihrem Schemel in meine Richtung.
«Du musst nicht mehr kommen.»
Aus ihrer schrillen Stimme schliesse ich, dass sie fassungslos ist, weil ich schon gehe. Da ich an der Tür stehen bleibe, schreit sie, dass sie mich nicht brauche. Die Stadt nicht. Die Katholischen am wenigsten. Ich weiss jetzt, dass sie mich braucht. Menschen brauchen einander.

Ich nehme mir Zeit zum Betrachten ihres Gerümpels. Lange bleibe ich vor den Fotos an ihrer Wand stehen. Die Frau folgt mir mit den Augen. Die gebündelte Aufmerksamkeit. Nicht einmal der Sitz giert. Ich deute auf die Pin-up-Bilder. Diese zeigen alle dieselbe Frau. Oder denselben Typ Frau, langhaarig, blond, filigran, etwas kindlich, aber sehr attraktiv. Marlene Dietrich, Hedy Lamarr, Marilyn Monroe, Zsa Zsa Gabor oder sonst eine frühere Diva. Ich kenne mich da nicht aus. Wer ist die Frau?
«Ich! Syra. The hottest spot from the Swiss Knife Valley. Bist du blind?»
Es ist unfassbar. Diese kleine Wütende mit der krächzenden Stimme und den funkelnden Augen soll jenes Pin-up-Girl gewesen sein? «Dieselbige!»

Sie trotzt in ihrem Innerschweizer Dialekt. In all den Jahrzehnten, die sie im Ausland verbrachte, hat sie den Gesangston der Bergler aus jener Gegend noch nicht abgelegt. Syra springt auf, rennt zur Wand, hängt das Faltbild ab und hält es mir vor die Augen. Ihr Knöchel klopft aufs Papier. Ich muss es mir ansehen. Von Nahe. Es zeigt eine ungewöhnlich schöne Frau. Kniend hebt diese einen geöffneten Fächer an ihren lächelnden Mund. Der Blick ist zur Seite gerichtet. Ihr Ausdruck hat etwas Spitzbübisches. Eine Flut von naturgewelltem Blondhaar fällt bis auf den Ansatz von ihrem Hals. Die Schulterkugel schimmert wie eine Perle. Unter ihrem schwarzen, durchbrochenen Spitzenbody zeichnen sich perfekte Brüste und eine schmale Taille ab.
«Ich! Im US-Magazin Laff im Juli 1948.»
Syra, America's newest Heart-Throb. Reportage see page 20, steht darunter.
«Ich bin als Faltbild herausgekommen.»
Ein ganz ausserordentliches Bild. Ich bestätige es. Ich sei überrascht. Es sei geradezu unglaublich.
«Ich war die schönste Frau, dich ich je gesehen habe.»
Mit diesen Worten reisst sie das Bild an ihre Brust, huscht in ihren Flipflops zur Wand und hängt es wieder auf.

Sie redet. Plötzlich. Ein Sturzbach. Ein Wasserfall. «Barfuss bin ich weggelaufen. Nackt bin ich in einer Zeitschrift aufgetaucht.»