Schwestern wie Tag und Nacht

Alice Zaugg, eine der angesehensten Frauen im Dorf, ist verschwunden. Martha, die "niemand für ihre Schwester hielt", hat sie zuletzt gesehen - an ihrem traditionellen "Schwesterverwöhntag". Nun wird Martha auf dem Polizeiposten befragt. Frau Irene - oder die "Haselmaus", wie Martha sie bezeichnet - ermittelt. Martha erzählt von Schwesternliebe und Abhängigkeit, von Bewunderung und Eifersucht, von Schwestern wie Tag und Nacht. Die selbstbewusste, ehrgeizige Alice ist verstrickt in Dorfintrigen, ihre Lebensgeschichte und ihr Aufstieg sind das Abbild einer Gesellschaft, die Erfolg über Menschlichkeit stellt. Doch weshalb ist Alice verschwunden?

Schwestern wie Tag und Nacht, Pro Libro, Luzern, März 2015, ISBN 978-3-905927-45-0

Leseprobe

Meine Schwester ist verschwunden. Sie ist eine der wichtigsten Frauen in unserer Region. Sie hat an einer Skyline gebaut. Die einzige Frau auf der Welt, die für sich in Anspruch nimmt, dem Himmel ihre Linie vorzugeben. So eine Frau löst sich doch nicht einfach in Luft auf.

Die Ermittlerin schaut mich durch ihre nickelgerahmte Brille entsetzt an. Sie mustert meine schnabelähnlich zugespitzte Oberlippe und das starre Haarbürzel auf meinem Scheitel, das verklebten Vogelfedern gleicht. Ich bin Martha. Die Ältere von uns beiden. Alice heisst die Verschwundene. Niemand hielt uns für Schwestern.

Der Name der Ermittlerin steht auf einem Etikett. Irene Felder. Sie hat den Fall ALICE ZAUGG auf dem Tisch und will versuchen, ihn im Gespräch mit mir, der einzigen Angehörigen, zu klären.

Der Name der Verschwundenen sei ihr ein Begriff, meint sie.

«Doch ich habe nie das Glück gehabt, ihr vorgestellt zu werden.»

Die Ermittlerin macht mir einen guten Eindruck. Sie hat viel Erfahrung und ist in einem Alter, in dem sie die Stürme wohl hinter sich hat. Dies wird der Grund sein, dass eine alte Frau wie ich in ihre Zuständigkeit fällt. Wir sind zu zweit. Verhörraum nennen sie das Zimmer. Man will mich ver-hören. Es ist still und kahl. Zwischen Irene Felder und mir steht ein Tisch. Im grellen Licht wirkt die Ermittlerin käsig. Als sähe sie nie Tageslicht. Aber bestimmt bin ich, zerzaust wie ich nach drei schlaflosen Nächten bin, auch eine üble Erscheinung. In so einem Licht hat jeder Mensch eine Verbrechervisage. Doch ich bin eine harmlose Alte. Und zum ersten Mal bei der Polizei. Sie liest das aus ihren Akten und lächelt mich aufmunternd an. Mit ihren dicken Backen und den runden, flinken Augen hinter Brillenglas kommt sie mir vor wie eine Haselmaus. Sie hat winzige Zähne und winzige Hände. Wer weiss, warum ein Geschöpf, das sich am liebsten in die Büsche schlagen möchte, in den Polizeidienst eintritt? Dauernd dreht sie einen Bleistift in den Fingern, als gäben ihr seine sechs Kanten Halt. Zusätzlich zum Tonband legt sie sich ein Heft, einen Spitzer und zwei Ersatzbleistifte zurecht. Nichts überlässt sie dem Zufall. Sie will gründlich und exakt sein, die Irene. Vielleicht läuft ein Videogerät.

Sie zeigt mir die Mäusezähnchen. Sie ist bereit und erwartet, dass ich ihr von Alice Zaugg erzähle. «Was möchten Sie wissen?»

«Alles.» Die Ermittlerin winkt, irgendwo anzufangen. Ich soll einfach reden. Sagen, was mir einfällt. So fasse ich nach dem Mikrofon auf dem Tisch, knipse mit dem Fingernagel daran, hüstle und lege los.

«Am letzten Donnerstag vor Mitternacht habe ich Alice zum letzten Mal gesehen. Wir hatten unseren Schwesterverwöhntag.»

Mein Gegenüber hebt den Schreibstift in die Luft und schaut mich fragend an. Ich muss ihr diesen Begriff erklären. «An diesem Tag verwöhne ich Alice mit Massagen, Masken, duftenden Ölen und ihrem Lieblingsessen. Die Pflege beginnt nach dem Frühstück und endet am Abend. Nach der Pflege wirkt sie rosig und frisch, um Jahre verjüngt. Und dies jeden Donnerstag. Für mich gibt es keinen Schwesterverwöhntag. Niemals. Es gibt ausschliesslich Alice-Verwöhntage.»

Ich betone das, denn es rundet das Bild ab, das die Ermittlerin sich von unserer Beziehung machen wird. «Das Pflegeprogramm mit dem Namen Wolke sieben ist Entspannung pur, ein wahrer Traum. Ich wollte die gute Stimmung von Alice nutzen, um sie für den Kauf einer luxuriösen Stadtwohnung in einer neuen Seniorenresidenz zu begeistern. Bereits in diesem Sommer können die ersten Wohnungen bezogen werden. Die Südhanglage, der Komfort und das breite Angebot an kulturellen Aktivitäten in der Stadt erfüllen unseren Anspruch.

Meine Pflege versetzte sie denn auch in einen schwerelosen Zustand. Sie plauderte von einer Schiffsreise, die sie sich vorgenommen hatte. Die Augen hielt sie dabei geschlossen. Sah sich wohl schon auf der endlosen Leiter zum Deck des gewaltigen Luxusdampfers hinaufsteigen, in dem es unzählige Kabinen mit Dusche, Salon und Balkon gibt. Ein doppelseitig geschwungener Treppenlauf führt zum Speisesaal mit den silbernen Buffet-Aufbauten und den appetitlich angerichteten Platten. In Abendrobe diniert Alice mit dem Kapitän. Und im Tanzsaal schleift sie ihre Schleppe bis zum Verklingen des letzten Tangos über den Marmorboden. Wenn sie zu Bett geht, sieht sie das Meer. Wenn sie erwacht, sieht sie das Meer.

So ihr Traum.

Sie wollte mit einem Mann auf diese Schiffsreise gehen. Ich muss noch erwähnen, dass sie ein wenig verliebt gewesen ist. Sie schien zufrieden und entspannt. Im Dachstock war das Ticken der Schuhe unseres Mieters zu hören. Sie schätzt diesen Mann mehr als jeden anderen. Vor drei Jahren ist er in unser Dachgeschoss gezogen. Er liess einen Konzertflügel hinaufhieven. Seither erklingt in unserem Haus Musik. Wenn der Mieter sich an die Nachtruhe hält, stört es mich nicht, habe ich zu Alice gesagt.

Warum sollte es dich stören, Martha? Da du ohnehin fast taub bist. Mandy ist Pianist. Ein Künstler.

Auch an unserem Schwesterverwöhntag setzte er sich an den Flügel. Als er zu spielen begann, war Alices Seligkeit vollkommen. Sie streichelte ihre Brüste. Ihre sonst dünnen Lippen quollen auf und ihre Wangen röteten sich. Vermutlich befand sie sich in Gedanken schon auf diesem Schiff und fantasierte sich ein Potpourri der Gefühle zusammen mit Lustschreien, Irrsinnsstellungen, Schwüren, Herzschmerz und allem Drum und Dran. Du bist übergeschnappt!, sagte ich. Ein Lover, jetzt, mit sechzig.

Sie riss die Augen auf. Sie korrigierte mich.

Ich bin achtundfünfzig. Mandy Belotti gibt mir keine vierzig. Ich will noch etwas vom Leben haben. Was hält mich hier? Unsere von Zementstaub gesättigte Luft? Das Schwingen der Kranarme im Himmel? Das Baugeschäft Lipp? Oder gar du, die mich wöchentlich mit der Wucht einer Hammerwerferin malträtiert? Sie seufzte zu den Badezimmerkacheln. Ich werde die Schiffsreise machen. Danach starte ich neu durch.

Am Samstag wollte Alice noch zum Coiffeur gehen. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Am Freitag verschwand meine Schwester. Sie verliess die Wohnung, ohne Bescheid zu sagen.»