Die falsche Herrin

Buchtitel 'Die falsche Herrin' Im Jahr 1724 wurde in Schwyz eine junge Frau zum Tode verurteilt — und in letzter Minute gerettet. Die bettelarme Magd hatte sich einen berühmten adligen Namen geborgt und auf Pump ein luxuriöses Leben geführt, indem sie Auftreten und Benehmen der Aristokratie perfekt imitierte. Nach ihrem Erfolg "Das Lachen der Hexe" erzählt Margrit Schriber die verbürgte Geschichte einer tollkühnen Frau in einem so gefühlsstarken wie amüsanten historischen Roman.

Die falsche Herrin, Nagel & Kimche, Zürich, 2008, ISBN 978-3-312-00413-3

Leseprobe

Die Bitzenin liest in den Gesichtern. Sie kennt den Ausdruck von Zweifel, Zwiespalt, Misstrauen, Herablassung. Aber sie hat beim Anblick des Turms der Nobilité beschlossen, komme, was wolle, zu bleiben. Sie wurde vergewaltigt, geprügelt, ausgepeitscht, von Horden gejagt, hat Berge überquert, gefroren und gehungert, ist wilden Tieren entkommen, hat einem Geliebten den Rücken gekehrt, ist im Eiswasser um ihr Leben geschwommen, hat sich von Abfällen ernährt und unter tausend Gefahren bis zu diesem Château durchgeschlagen. Soll sie sich jetzt wie ein Hund verjagen lassen?

Sie sinkt in einen Stuhl, als könne sie keinen Schritt weiter, und schaut durch die offene Verandatür auf die herabfallenden Terrassen zum Brunnen.

«Versailles», flüstert sie.

«Ici n’est pas Versailles.»

«O!», sagt die Bitzenin. Sie faltet sich in ihren Stuhl. Nach einer schier unerträglich langen Pause nennt sie den Namen des Barons Joseph Anton Reding von Biberegg.

Die Châtelains schauen einander an. Ungläubig. Überrascht.

Die Bitzenin zeigt auf sich und sagt: «Papa.»

Madame schlägt ihren Fächer auf den Mund, die großen Perlen an ihren Ohren wackeln. Auch sie muss sich setzen. Und zum ersten Mal begreift die Bitzenin die Macht dieses Namens. Er hat nicht nur im Lande Schwyz einen Klang. Selbst in einer Entfernung von Wochenmärschen erschrecken die Leute.

Müde lächelnd schmiegt sie ihr Gesicht an die gefalteten Hände. Wer würde es wagen, eine Herrentochter hungrig wegzuschicken? Auf Wink des Schlossherrn wird das Dîner dans la Grande Salle serviert. Der Name, den sie nannte, ist ein Pfand. Sein Wert? Unbegrenzt!

Er hebt die Schultern. «Et voilà! So ist das!», sagt der Sieur. «Paff!» Mit einem Ruck schiebt er den Kopf vor, vergrößert die Augen und spitzt seine Oberlippe gegen das Kinn, er sieht aus wie ein Raubvogel.

Clemence wird angewiesen, Mademoiselle ein Zimmer zu bereiten. Eines der schönen. Die Suite zum Park.

«Was denkt sich das Mädchen?», fragt in Zug Joannes Bossert seine Waschfrauen, weil man nichts mehr von ihm hört.

«Es denkt: ‹Da bin ich. Und da bleibe ich.›»

«Die Bitzenin öffnet Türen, die uns verschlossen bleiben.»