Die hässlichste Frau der Welt

Buchtitel 'Die hässlichste Frau der Welt' Mitte des neunzehnten Jahrhunderts tingeln zwei Frauen durch Europa. Die eine ist als "die Affenfrau" der Star einer Freakshow, die andere ist eine junge Tänzerin, deren Schönheit dazu dient, die Abnormität des Stars noch zu steigern.

Margrit Schriber erzählt stilsicher und einfühlsam. Die Autorin aus der Schweiz schildert in ihrem neuen historischen Roman eine berührende Freundschaft, aber auch die Gewalttätigkeit von Sensationslust und wissenschaftlichem Forschungseifer.

Die hässlichste Frau der Welt, Nagel & Kimche Zürich, 2009, ISBN 978-3-312-00446-1

Leseprobe

Für die Aufführung in London wählt Mister Lent eine exotische Ausstattung. Die Londoner mögen ihre Kolonien. Sie liebäugeln mit Abenteuern und wollen fremde Länder bereisen. Aus diesem Grund kündigen Lents Plakate die Attraktion als Fund aus dem Urwald des Amazonas an.

Julia soll wie ein exotischer Vogel auftreten.

Die Dienerin zieht ihr das üppige Rüschenkleid an. Klatschmohn und Nelken sind über die Stufen gestreut wie eine Partitur Noten. Das Schnürmieder schmückt ein Sommerstrauß. Ins Haar gehört ein gewaltiger farbenfroher Federbusch.

Rosie gäbe alle Preziosen der Welt hin, um fünf Minuten von diesem Abend zu vergessen. Die Scham über jene fünf Minuten brenne Rosie bis heute. Sie sehe immer wieder diese Szene vor sich.

Sie ist für ihre kleine Rolle als englisches Mädchen herausgeputzt. Mister Lent legt ihr die Federn für den Kopfputz seiner Attraktion in die Hände. Lange, spitze Kiele in Rot und Grün und Gelb. Es ist schwierig, sie so im Haar zu befestigen, dass sie nicht knicken oder verrutschen beim Tanzen. Sie hebt die Federn zum Scheitel von Miss Julia, um das Gesteck in ihre Zöpfe zu nadeln. Mit beiden Händen nestelt sie in den Zöpfen von Miss Julia. In diesem Moment packt sie Mister Lent, rafft ihren Rock hoch, nestelt seine Hose auf und nimmt sie von hinten.

Nimmt seine Belle! Als köpfe er eine Zigarre. Julia Pastrana reißt mit einem Aufschrei den Federschmuck aus ihrem Haar, schleudert ihn zu Boden und hüpft darauf herum. Dann sinkt sie neben dem zerfledderten Federbusch in die Knie. Schwer atmend, weinend, die Hände vor dem Gesicht, den zitternden Rücken gegen Lent und die Dienerin gekehrt.

«Irre!», sagt er. «Schnauf nicht so! Tränk nicht den Boden mit Tränen! Bekreuzige dich nicht andauernd!» Mit Ruhe sagt er das. Beim Zustoßen. Scharf und unerbittlich sagt er es, als ob er ein Häufchen Asche mit dem Fuß austrete. Er lockert nicht einmal den Griff um seine Belle. Schnaubend reitet er seinen Tiger.

Die Schau von London kann beginnen.

Das Auditorium ist bis auf den letzten Platz besetzt. Nicht nur Neugierige strömen zur Aufführung. Auch Zweifler wollen die Vorführung einer Zwergin im Pelz eines Affen anschauen, ehe sie ihr einen Prozess wegen Täuschung anhängen. Wissenschaftler mischen sich ins Publikum. Darunter ein gewisser Charles Darwin, der sich auf dem Gebiet der Galapagosschildkröten und mit der Skizze eines evolutionären Abstammungsbaums unter der Überschrift I think einen Namen gemacht hat. Und Frauenrechtlerinnen, Studenten und Politiker nehmen Platz. Sie kommen mit der Absicht, sich mit gezielten Fragen zu melden.

Rosie bringt ihre Nummer des englischen Mädchens. Erst gibt sie das sorglose Fräulein vom Land. Dann das verängstigte Lämmchen. Dann die schöne Hysterikerin. Es gelingt ihr inzwischen, die Aufmerksamkeit des Publikums lange zu fesseln, bevor sie schreiend aus der Tür stürzt.

Als die Hässliche aus dem Käfig steigt, ist die Schöne vergessen.

Lent wirft seine Arme hoch und rennt mit Trippelschritten durch die Manege wie über ein erobertes Territorium. «Ugly Julia! Here she comes.»

Das Objekt wackelt in den hellen Kreis des Gaslichts. Der Federaufbau im Haar zittert bei jedem Schritt und wippt eine Weile nach. Auch der Teller des kniekurzen Rocks schwankt, und die Rüschen verwehen ihre Notenpartitur. Julia stellt sich mit leicht gegrätschten Stiefeletten ins Licht und streift den Bart zur Seite, so dass ihr glitzerndes Geschmeide über dem kurvigen Brustpanzer aus Fischbein zu sehen ist. Angeschnittene Ärmel entblößen dichtbehaarte Arme, die sie seitwärts übers Rüschenkleid spreizt.

Eine kleine, geschmückte, bärtige Tänzerin von unbeschreiblicher Hässlichkeit.

Julia ist den Blicken ihres Auditoriums ausgeliefert. Die Besucher bekreuzigen sich.

Sie verneigt sich vor ihrem Publikum mit Grazie. Als Erstes tanzt sie den Highland-Flyer. Danach tanzt sie einen Flamenco. Den Arm mit der Kastagnette über den zurückgeworfenen Kopf gehoben, stampft sie auf, und dann hämmern ihre Absätze den Takt auf den Bretterboden zum Wirbel der Rockrüschen. Die Stoffwellen fliegen um die haarigen Beinchen zum Geklapper der Kastagnette. «Olé!», ruft sie ins Auditorium.

«O honey! Ist sie nicht süß?» Ihr Impresario küsst die Fingerspitzen, hingerissen vom Fortschritt seines Wildlings und seiner gelungenen Domestizierung, begeistert von seiner Leistung als Dompteur. Er trabt mit erhobenen Armen durchs Rund der Manege und schickt viele Handküsse ins Publikum.

Nach diesem Lob nimmt Julia Pastrana ihren Stickrahmen zur Hand und macht eine Anzahl Stiche, während er, ihre Handwerkskunst preisend, herumstolziert. Er weist auch auf ihre Sprachfertigkeit und ihre vollendeten Formen hin. Julia legt seufzend den Stickrahmen auf den kleinen Tisch und antwortet auf Fragen des Publikums.

Woher kommt sie? Wie alt ist sie? Welche Musik mag sie? Gefällt ihr England? Wie viele Sprachen beherrscht sie? Wie kommt es, dass sie lesen und schreiben kann? Wer sind die Eltern? Hat sie Geschwister? Möchte sie heiraten? Möchte sie Kinder? Reist sie gern?

Sie legt die Hände ineinander und denkt kurz nach, ehe sie eine Antwort gibt. «Yes, Sir, nein, Madam, noch so gern, Miss, sehr, doch, zum Teil, merci beaucoup, jeune homme, very kind, gentleman, à bientôt, bye bye.»

Nun schlägt der Impresario vor, dass Julia für das Publikum ein Lied singt. Als Krönung des Abends. Sie ziert sich ein wenig, wiegt ihre Schultern und reibt die Spitze der Stiefelette im Sägemehl.

«Wir bitten Sie darum, Miss Julia!»

Sie streicht ihr Pinselhaar über die große Ohrmuschel und sammelt sich. Niemand atmet. Dann klappt sie die fahlen Lider auf, hebt ihre Hand zu den Sitzreihen und beginnt mit einem tiefen Atemzug zu singen. Ihre weiche zarte Stimme schwebt zur Decke.

Das Publikum sitzt aufrecht und starr auf den Bänken. Auch die Zweifler, die Frauenrechtlerinnen, Forscher und Wichtigtuer. Sie sind gefangen. Fasziniert vom ersten bis zum letzten Ton. Dieses schillernde Geschöpf aus Übersee erzwingt sich ungeteilte Aufmerksamkeit.

My goodness! Ein Tier, das sticken, tanzen, lesen und schreiben kann, außer der Muttersprache fließend Englisch spricht, leidlich Französisch und einige Brocken Deutsch.

Das die Gabe zum Singen hat. Die Gabe, uns im Innersten zu rühren. Ausgestattet mit einer elfenhaften Stimme. Julia berührt den zerdrückten Federbusch auf ihrem Kopf. Als müsste sie etwas verscheuchen, das sich darin eingenistet hat. Diese Geste gehört nicht zur Rolle. Sie dauert einen Lidschlag lang, danach schweift ihr Arm ab und ihre flatternde Hand zeichnet einen Schmetterlingsflug zu einer fernen, glücklichen Zeit, in der sie Mutters pelziger Schmetterling gewesen ist.

Der traurige Gesang stürzt das Publikum in Stille.

Erschlagen kleben die Besucher in den Sitzen.